Das arme Palais Schönborn

Wie aus den Stichen von Salomon Kleiner zu ersehen ist, stimmt die heutige Fassade am Sommerpalast Schönborn in Wien nicht mehr mit dem Plan für den ersten großen Auftrag des Johann Lukas von Hildebrandt überein. Der alte Bau von 1707 gehört zu den frühesten Werken des Meisters und kaiserlichen Hofingenieurs in Wien. An Stelle des großen Giebels erhebt sich in der alten Grafik eine Attika. Das frühere Portal trägt einen Steinbalkon. Die Fensterarchitektur ist viel reicher ausgestaltet. Der Mittelbau wird durch komposite Pilaster gegliedert, die ein dreiteiliges Gebälk stützen, in welches die Giebelverdachungen der Fenster einschneiden. Das Wappen des Reichsfreiherrn Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim krönt noch immer das Tympanon über dem flachen Risalit. Der Kleriker ist befreundet mit dem Prinzen Eugen seit er sich im Spanischen Erbfolgekrieg für die Kaiserliche Sache engagiert hat.


Einen hübscher schmiedeeiserner Balkon ist an die Stelle der alten Steinbaluster auf dem Konsolenportal getreten. Das ausladende Mansarddach betont die feierlich symmetrische Wirkung der Fassade. Die Mittelpartie der Gartenfront spielt mit dem Motiv eines antiken Triumphbogens, der den Weg in die Hauptstadt säumt. „Aus einem räumlichen Übergangsritus ist so ein spiritueller Übergangsritus geworden. Denn nicht mehr der Akt des Hindurchgehens gewährleistet den Übergang, sondern eine personifizierte Macht sichert ihn auf spirituelle Weise.“1 Das mit reicher Stuckplastik gezierte Vestibül führt links und rechts zur Treppe, die sich im Bogen zum Podest wendet. Kompositpilaster gliedern die Wände, „meisterhaft die bewegten, reich durchbrochenen Brüstungen mit ihrem Putten- und Vasenschmuck.“2 Das Ornament der Stiege gilt als „typisches Beispiel des voll entwickelten Steinbandwerks, das mit Hildebrandt nach dem Norden kam und hier seine reichste Ausbildung fand.“3

Porzellan- und Spiegelkabinett, - das Raumprogramm des Wiener Gartenpalais Schönborn geht dem Familienschloß Weißenstein in Pommersfelden voran. Stiche der Ausstattung haben sich in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek erhalten. Allegorien deuten auf die Heilige Cäcilie als Beschützerin der Musik, die Jagdlust und die Staatskunst. Die Ikonologie entfaltet eine gesamteuropäisch gültige villa suburbana voll gelehrter Zitate und gescheiter Anspielungen. Aurora, die Morgenröte umgibt sich mit Kindern und Blumen als Mittelstück des reich vergoldeten Stuckplafonds im „Großen Parade-Zimmer.“ An den Wänden des heute noch unzugänglichen „Bilderzimmer von holländischen Meistern“ im Westflügel des Gebäudes sind sieben der 1744 inventarisierten Gemälde an Ort und Stelle zu sehen. An der Decke zeugt die „Opferung der Tochter Jephtes" im originalen Stuckrelief aus vier Tugenden, Künsten und Jahreszeiten vom theologischen Denken des bibelfesten Hausherrn.4 Ein Mädchen kniet am Altar. Daneben steht ein Schaf, als Opfertier oder als idyllischer Hinweis, daß sich die Jungfrau bald in das einsame Gebirge zurückziehen wird. Mit ihren gefalteten Händen verweist sie auf die Gottesmutter des Neuen Testamentes. Das hochovale Gemälde auf Leinwand in der Größe von drei auf eineinhalb Metern ist als eingelassenes Deckenbild im originalen Verband erhalten. „In gestaffelter antikischer Bogenarchitektur drängt sich eine bewegte Menschengruppe dicht um einen auf Stufen erhobenen Altar. Ein alter, bekränzter Priester mit blauem Umhang schwingt zur Vorbereitung des Brandopfers ein Räuchergefäß, ein Jüngling hält die Opferfackel, ein Mädchen bringt die goldene Statuette eines ziegenohrigen Mannes, der ein hakenförmiges Gebilde hält. Vor dem Altar kniet ein blumenbekränztes, gelb-weiß gekleidetes Mädchen mit betenden Händen neben einem Schaf zur Opferung. Rechts im Hintergrund unter dem Bogen auf hohem Sockel eine faunische Gestalt .“ 5 Das Werk steht im Widerspruch zu landläufigen Darstellung als „Ritualmorde“ ausgemalter vorgeblicher jüdischer Menschenopfer. Es zeigt keine judenhasserische Verzerrung der Protagonisten wie bei der Legende des Simon von Trient aus dieser Zeit.



Jephta oder Jiftach vom Stamme der Manasse ist „ein tapferer Held.“ Als Oberhaupt und Anführer aller Bewohner Gileads, liegt er in Fehde mit den Feinden Israels. Der Hauptmann legt vor dem Herrn ein Gelübde ab : „ ... wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als Erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.“ Der Herr, der Gott Israels, aber gibt den Gegner und alle seine Männer in seine Gewalt. „Israel schlug sie und eroberte das ganze Land, das die Amoniter bewohnten.“ Als Jiftach zu seinem Haus zurückkehrt, kommt ihm seine Tochter entgegen : „sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter.“ Jephta will getreu seinem Wort die heranwachsende Tochter opfern. Ein blutiges Menschenopfer ist nach mosaischem Gesetz verboten.6 Die Tochter soll nicht heiraten, sich mit Gott verloben und bittet : „Nur das eine möge mir gewährt werden: Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge gehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jugend beweine.“ Jephta stimmt zu : „So wurde es Brauch in Israel, dass Jahr für Jahr die Töchter Israels (in die Berge) gehen und die Tochter des Gileaditers Jiftach beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr.“

Johann Dientzenhofer hält sich bei der Planung des Pommersfeldener Schlosses der Schönborns an die Erfahrungen mit den „Garthen – Häusern“ in Wien. Der Baumeister verfügt sich 1713 in die hintere Alsergasse, um seine Pläne durch Hildebrandt („den Jean Luca“) und Friedrich Karl begutachten zu lassen.7 Die „Right Honourable Lady“ Mary Pierrepont Wortley Montagu ist schön, charmant, bei Hofe beliebt, interessiert sich für Politik und Literatur. Im Jahre 1716 reist sie mit Familie nach Istanbul. Rheinaufwärts fährt sie mit Gatten und Sohn bis Köln, ab Regensburg donauabwärts zum Schwarzen Meer. Sie diniert in Wien im Palais Schönborn (PDF, 5,5 MB). In ihren Briefen lobt sie die „Herrlichkeit der Appartements an Gemäldern, Porzellans, exotischen Gewächsen und Tafelgeschirr.“8

Lady Mary ist mit Gartenarchitektur vertraut. Sie erkennt die städtebaulichen Möglichkeiten des Glacis vor der Stadtbefestigung, des Strozzigrundes und Lerchenfeldes. Sie versteht sich - obwohl der Kirche von England angehörig - mit dem „papistischen“ Geistlichen Schönborn gut : „Gestern war ich im Park des Vizekanzlers Grafen Schönborn, bei dem ich zum Dinner eingeladen war und ich muß gestehen, daß ich noch niemals etwas so vollendet Entzückendes gesehen habe wie die Vorstädte Wiens. Sie sind sehr weitläufig und bestehen beinahe gänzlich aus schönen Palästen; fände es der Kaiser richtig, die Stadttore zu schleifen und die Vorstädte mit der Stadt zu vereinigen, so hätte er eine der größten und schönst gebauten Städte Europas. Graf Schönborns Landsitz ist einer der prächtigsten, die Ausstattung ganz aus reichem Brokat, so schön entworfen und ausgeführt, nichts kann fröhlicher und prächtiger aussehen, ganz zu schweigen von einer Galerie voll von Raritäten aus Korallen, Perlmutter etc. und den im ganzen Haus in Überfluß vorhandenen Vergoldungen, Schnitzereien, herrlichen Gemälden, allerschönstem Porzellan, Statuen aus Alabaster und Elfenbein sowie den Orangen und Zitronenbäumen in vergoldeten Töpfen. Das Essen war vorzüglich, wohl angeordnet und durch die gute Laune des Grafen noch viel angenehmer gemacht.“9


Seit 1917 findet das Palais als Volkskundemuseum Verwendung. Der Krone ordnen sich Slawen und Romanen unter. Slowenen, Kroaten, Transylvanier, Huzulen, Bukowiner und Bosniaken stehen zur Donaumonarchie. Tschechen, Slowaken, Polen, Ruthenen, Italiener, Ladiner und Friauler, Rumänen, Magyaren sind unter dem Doppeladler versammelt. Die Volkskunde entwirft eine phantastische Vision von den natürlichen Grundlagen des Kaiserreiches. Das Regiment fußt nicht mehr allein auf der Gnade Gottes. Es entspricht einvernehmlich der inneren Verfassung seines Volkes, dessen kindliche Treue und Liebe zum Kaiserreich wissenschaftlich zu objektivieren ist. Die Sammlung dient Vergleichszwecken : Stickerei aus Istrien und Dalmatien, eine slavische Wohnstube, bemalte Totenschädel und Ostereier, Totenbretter, Bauerntöpferei, Hausgerät der Wasserpolen in Ostschlesien, tschechische Hauben und Mieder, polnische und ruthenische Trachten aus Schlesien und Galizien, Frauenoberhemden aus der Bukowina, serbische Musikinstrumente.


Museumsgründer Michael Haberlandt fällt sein Urteil : „Vollkommen deutlich tritt die Stellung der Deutschen (ihre Kulturmission) als Träger und Vermittler westlicher Gesittung in jeder Art an die umgebenden nichtdeutschen Völker hervor : das weitreichende und umfassende Ergebnis dieser Kulturübertragung durch die Jahrhunderte lässt sich durch Wörter und Sachen hundertfältig beweisen. Zu dieser Mittlerrolle ist die deutsch - österreichische Bevölkerung auch durch ihre über die eigentlich nationale Atmosphäre hinausgewachsene geistige Artung besonders berufen. Deutlich erkennen wir damit im Zusammenhang aktive und passive Volksgebiete in Hinsicht der allgemeinen Kulturerzeugung in Österreich. Die Randgebiete (Ostgalizien, die Bukowina, Istrien, Dalmatien) haben verhältnismäßig viel weniger zur Erzeugung jenes allgemeinen Kulturniveaus beigetragen, das wir in Deutsch- Österreich, in Mähren, Schlesien und Böhmen verbreitet finden ...“Der Professor und Hofrat fasst zusammen : „ Hieraus ergibt sich auch der zwingende Schluss auf die verschiedene Wertigkeit der nationalen Kulturen ...“10

Ein solcher Kulturvergleich ermittelt aus der Sicht der Kolonisatoren im Mittelpunkt des Reiches den Abstand der Bestandteile der Donaumonarchie. Die Volkskunde beziffert die ethnischen Entfernungen von der deutschen Mitte. Das überhebliche Zentrum bewertet sachlich und sprachlich, wie weit abgelegen die Peripherie sei. Nachdem der Untergang des Vielvölkerstaates bereits zu greifen ist, wird seine systematische Vermessung vorgeführt. Positivismus als Magie. Das Konzept passt zum heute befangen schuldbewussten Umgang Europas mit seinen Rändern. Anliegende Kontinente mögen sich so nach der bestimmenden abendländischen Norm richten, dass ihnen museal ein Platz im gehörigen Abstand angewiesen werde.

Museumsdirektor Leopold Schmidt schreibt offen über die Gier seines Vorgängers Haberlandt in der Zeit der „Balkanexpedition“ seines Sohnes Arthur : „So hatte der Krieg die an sich schon vorhandene Neigung der Museumsleiter, nach dem Südosten auszugreifen, in ungeahnter Weise verstärkt. An die zehntausend Objekte gehörten dem Nordwestbalkan und seinen Randgebieten an.“11 Befindet sich dieses Beutegut von 14/18 noch immer im Volkskundemuseum ? „Man konnte die Erwerbungstätigkeit bis nach Mazedonien, ja bis Bulgarien ausdehnen, das Museum bereicherte sich in einer kaum geahnten Weise mit diesem Material aus dem Südostraum, der knapp vorher wissenschaftlich so gut wie unbekannt gewesen war."12 Direktor Schmidt meint : "Vielleicht muß man eingedenk anderer Vorfälle in Kriegszeiten noch zu dem Kapitel sagen, daß alle diese Erwerbungen durchaus korrekt vor sich gegangen sind.“ Seit dieser Zeit stellt die Gemeinde Wien „nahezu bedingungslos das ehemalige Gartenpalais Schönborn in der Laudongasse zur Verfügung."

„Die Presse“ rechnet in ihrer Ausgabe vom 21.11.2009 vor, welcher Gewinn der Stadt Wien als Hauseigentümerin winkt, wenn sie sich vom „baufälligen Palais Schönborn“13, dem „Schmuddelkind der Wiener Museumslandschaft“14 trennt : „Immobilienmakler veranschlagen den Wert des Palais Schönborn auf 18 bis 20 Mio. Euro.“15 Das Bundesdenkmalamt teilt zum „desolaten Palais Schönborn“16 am 14.09.09 mit, daß seit dem Jahre 2007 seitens der Stadt Wien Gespräche mit der Behörde über bevorstehende Dachinstandsetzungen und Fassadenrestaurierung geführt würden. Man habe in den letzten Jahren diverse restauratorische Untersuchungen angestellt und eine Stuckdecke im Bürotrakt des Museums ausgebessert. Die staatliche Bauaufsicht habe diese Leistungen finanziell auch unterstützt. Das wertvolle barocke Werk des Lukas von Hildebrandt kann also nicht baufällig sein. Eine Renovierung der Stuckdecke im Bürotrakt des Museums fand nach Auskunft der Direktorin des Volkskundemuseums, Hofrätin Dr. Schindler um 1980, also vor dreißig Jahren statt. Die Stukkaturen und Gesimse bröckeln weiter.

Gegen Träume vom Verkauf der Großimmobilie sprechen Erfahrungen in München : Ein Häuserblock, den die Bayerische Versicherungskammer für die HYPO Real Estate neu baute - steht leer. 17 Die "Hofstatt" : der ehemalige Sitz der Süddeutschen Zeitung, die ins Umland abwanderte. Von der Firma Bilfinger & Berger, die auch an der Kölner U - Bahn baut, wurde ein Haus aus dem 18. Jahrhundert entkernt und unterfangen.18 Es hängt jetzt praktisch in der Luft, weil die Investoren ihre Felle davonschwimmen sehen. 19 Die Schrannenhalle - steht leer. 20


Eine Verordnung21 vom 15.6.2006 nach den Bestimmungen des österreichischen Denkmalschutzgesetzes22 soll das kunsthistorisch bedeutsame Ensemble in Wien vor dem Verfall bewahren. Das „Ehem. Palais Schönborn, Volkskundemuseum, Laudongasse 15-19, EZ 1156“ wird als „unbewegliches Denkmal des 8. Wiener Gemeindebezirkes – Josefstadt, Ger.Bez. Josefstadt, Grundbuch 01005 Josefstadt“ entsprechend „§ 2 oder § 6 Abs. 1 leg.cit. kraft gesetzlicher Vermutung unter die Bestimmungen dieses Gesetzes gestellt.“ Jetzt gilt für den Fall, daß das Denkmal „zerstört, verändert oder veräußert werden und dadurch das Interesse an der unversehrten Erhaltung des Denkmals wesentlich geschädigt würde“, die zuständige Bezirksverwaltungsbehörde auf Antrag des Bundesdenkmalamtes oder - bei Gefahr im Verzug - „von Amts wegen die jeweils geeigneten Maßnahmen, Verfügungen und Verbote zur Abwendung dieser Gefahr zu treffen hätte.“

Die öffentlichen Schadensmeldungen klingen dennoch verheerend. Es geht nicht um Schönheitsreparaturen, sondern um die Substanz. Das Dach am „Schandfleck im Achten“23 ist undicht. Die Gesimse fallen ab. Bücher in den Regalen haben Wasserschäden. Zur Sammlung gehört das Erbe der Ethnologin Goldstern, das dort Jahrzehnte verborgen, teils in Verstoß geraten war. Der vormalige Museumsdirektor Klaus Beitl entdeckt vier Jahrzehnte nach ihrer „Einlieferung“ unveröffentlichte Texte der Forscherin in seinem Dienstzimmer. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger will er den Raum zum Ende seiner Amtszeit geordnet übergeben. Es gelangt bei der „Räumung der Direktionskanzlei im Verlauf der gelegentlichen Sichtung alter Aktenbestände dieser forschungsgeschichtlich nicht unwichtige Handschriftenbestand wieder an den Tag.“24

Goldstern gilt als „frühe Vertreterin einer modernen europäischen Ethnographie.“25 Ihr Werk und ihre Geschichte werden weit über den deutschen Sprachraum hinaus beachtet und gewürdigt. Schon 1987 erscheint in Challes-les-Eaux eine französische Übersetzung ihrer Monographie über Bessans. 2003 beklagt Isac Chiva noch in der Revue des Sciences Sociales zu Strassburg die weitgehende Verdrängung : „L' affaire Eugénie Goldstern : l'histoire d'une non-histoire.“ 2007 zeigt das „Musée dauphinois“ in Grenoble Teile der Goldstern - Sammlung und übersetzt sämtliche Schriften ins Französische. Die Biographie erscheint in Montmélian : „la mémoire et l'oubli.“ Im Mai 2009 zeigt das Museum für regionale Geschichte Odessa im Rahmen einer Veranstaltungsreihe „Migration, Exil in Europa“ eine kleine Schau über die aus der Ukraine stammende Wiener Volkskundlerin.26 In diesen Tagen referiert Gerhard Milchram, Kurator am Jüdischen Museum Wien, im Rahmen der Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien, Hohenems über „Identitätsstiftung in den Alpen oder universale Ethnologie“ am Beispiel von Eugenie Goldstern.

Eugenie Goldstern wird 1883 in Odessa als Tochter eines reichen Kaufmannes geboren. Sie ist durch ihren aus Lemberg stammenden Vater Staatsbürgerin der Donaumonarchie. Selbst den Bergbauern in Hochsavoyen gilt sie in ihrer weltläufig gewandten Art als „Autrichienne.“ Der Stadt Wien ist sie zeitlebens sehr verbunden. Hier liegt ihr kulturelles Zentrum. Sie kommt hierher und beginnt Volkskunde zu studieren. Ihr Lebensumfeld ist der Alsergrund. Der Lebensweg der Forscherin berührt die aktuellen Fragen der Fremdenfeindlichkeit, der Vorurteile gegen Frauen in wissenschaftlichen Berufen, des Antisemitismus und schließlich systematischen Genozids. Er ist beeinträchtigt von andauernder Marginalisierung und Ausgrenzung, die in der Wiener Volkskunde ihren Anfang nimmt und sich in tatsächlicher Ghettoisierung fortsetzt. Das Werk von Frau Goldstern steht in der Tradition einer Ethnologie, die durch den Kulturvergleich und die Begeisterung für ursprüngliche Formen der Wirtschaft, des gestalterischen Ausdrucks und gemeinschaftlichen Lebens geprägt ist. Die Randgebiete, mit denen es sich beschäftigt, sind Sitz von kulturellen und wirtschaftlichen Eigentümlichkeiten, die fremde Völker einen.

Es geht um das Werk einer Wissenschaftlerin, die sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg für den internationalen Vergleich von Kulturen und die Verständigung in Europa einsetzt. Die Hauptperson verkörpert ein aufgeklärtes, säkulares Judentum, das in besonders tragischer Weise der deutschen Geistesgeschichte und Kultur verbunden ist. Es wird verfolgt von wechselnden politischen Systemen. Untergehender Zarismus, klerikaler Konservativismus, ständestaatlicher Faschismus und Nationalsozialismus sind sich einig in der Ablehnung seiner kritischen, sozial engagierten Einstellung. Eugenie Goldsterns Leben ist geprägt vom immer wieder notwendigen Flüchten. Sie rettet sich vor dem großen Pogrom in der Ukraine. Sie unterbricht ihre Studien, flieht aus der Maurienne, weil sie bei Kriegsausbruch der Spionage verdächtigt wird. Ihre Untersuchung im Aostatal scheitert, weil sich dort Mussolinis Schwarzhemden breit machen. Schließlich ist ihre Bindung an Wien zu stark. Sie wird von einer großdeutschen Vernichtungsbürokratie erfaßt, in deren Akten ihre letzten Spuren bleiben.


Eugenie Goldstern entwickelt enorme Fähigkeiten zum Neuanfang. Ihr bleibt eine ungebrochene Begeisterung für das einfache Volk. Die uralten Werte praktisch umgesetzter Lebensweisheit und tätiger Anteilnahme werden in ihrem Werk geformt zu moderner empirischer Feldforschung. Alltägliches wird sorgsam bedacht. Eine lange familiengeschichtliche Tradition, die sich seit Generationen um Heilkunde und Seelsorge kümmert, wird erkennbar. Mit der einfühlsamen Beobachtung von fremden Ritualen in fernen Gegenden werden Grenzen überschritten, gewohnte Lebensentwürfe in Frage gestellt. Das Ursprüngliche wird hoch geschätzt. Die strenge Ordnung altüberlieferter nachhaltiger Wirtschaftsformen in alpinen Gegenden wird modellhaft dargestellt. In einer der ersten Dorfmonographien wird ökologisch verantwortungsbewußter Umgang mit knappen Resourcen in entlegenen Randgebieten anschaulich belegt.

Die kleinen Spielsachen der Bergbauernkinder, die urigen Gerätschaften aus der Höhe oberhalb der Waldgrenze, aber auch die feinen Zeichnungen und Fotografien gäben einen passenden Kontrast zur barocken Hochkunst in der Laudongasse. Ein stärkerer Gegensatz, als das Treppenhaus des Lukas von Hildebrandt und die von Goldstern dokumentierten unterirdischen Stallwohnungen in Hochsavoyen läßt sich nicht denken. Das Département Isère wirbt mit dem Gedenken an Eugenie Goldstern. Die kleine Marktgemeinde Bessans leistet sich eine Tafel zur Erinnerung an die österreichische Ethnologin, die hier die erste Dorfmonografie überhaupt recherchiert. In der Wiener Laudongasse liegt der Mittelpunkt ihres Wirkens. Hierhin bringt sie ihre Sammlung. Hier benutzt sie die Bibliothek. Hier hilft sie mit einer beträchtlichen Spende dem Volkskundemuseum. Hier scheitert ihre wissenschaftliche Laufbahn am unter dem Deckmantel der „deutschen Volkskunde“ auftretenden Nationalsozialismus. In der nahen Lazarettstraße steht die von ihrem Bruder Samuel gegründete Fangoklinik, wo sie wohnt. In der Nußdorferstraße besteht ihre erste, aber auch letzte Adresse.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und in den Zwanziger Jahren bereist sie die Randzonen der europäischen Kultur in den Hochgebirgstälern Österreichs, Frankreichs, Italiens und der Schweiz. Sie betreibt Feldforschung. Sie entdeckt, daß „das Primitive“ nicht typisch für Länder der Dritten Welt ist. Ihre Sammelgüter vertraut sie dem Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien an. Dort lagern sie bis heute. 


Die gebürtige Österreicherin promoviert in der Schweiz. Sie hat kein Glück, müht sich in einer männerbündisch organisierten Wissenschaftswelt. Ihr volkskundliches Wirken tritt einem heraufziehenden, völkisch geprägten Rassismus entgegen. Es gelingt der Nachweis, daß Menschen aus weit voneinander entfernten, abgeschiedenen ländlichen Gemeinschaften unter ähnlichen äußeren Bedingungen zu verblüffend übereinstimmenden Problemlösungen finden. In den abgeschiedensten Gebirgstälern findet Eugenie Goldstern ästhetische und funktionale Grundmuster, die einende Verflechtung bedeuten. Sie baut eine Vergleichssammlung auf, die Verbindungen aufzeigt, die nationale Schranken überwindet und regionale Sonderformen in größere Zusammenhänge stellt. Sie schärft den Blick für die Leistung der Einzelnen, denen es glückt, widrigsten natürlichen Bedingungen zweckmäßig und in vollendeter Form zu begegnen.



Eugenie Goldstern promoviert in Fribourg 1921 über „Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden.“27 In wohlbegründeter, anschaulicher Untersuchung entwickelt sie einen Forschungsansatz, der dem um sich greifenden Rassenwahn in grundlegender Weise entgegentritt. Es gelingt ihr, nachzuweisen, daß urwüchsige Formen des Wirtschaftens und der Kultur nicht an weit entfernte Völker gebunden sind. Mit anthropologischen Untersuchungsmethoden, die sonst bei Kolonisierten angewandt werden, stellt sie mitten in Europa archaische Lebensformen fest. Dem Verein für Volkskunde in Wien schenkt sie in der Not der Nachkriegszeit das Vermögen von 20.000 Goldkronen. Die dort bestehenden Vorurteile gegen eine jüdische Wissenschaftlerin kann sie auf diese Weise nicht entkräften. Während sich das Volkskundemuseum zum Tummelplatz nazistischer Umtriebe entwickelt, zieht sie sich in den Kreis ihrer Familie zurück. 1942 wird sie nach Izbica in Polen deportiert und dort ermordet.

Albert Ottenbacher Gotthardstr. 68 80689 München

1Arnold van Gennep, Übergangsriten (Les rites de passage), Frankfurt am Main 1986, S. 30

2Othmar Leixner, Wien, Ein Führer durch die Donaustadt, Wien 1926, S. 219

3Bruno Grimschitz, Johann Lucas von Hildebrandts künstlerische Entwicklung bis zum Jahre 1725, Wien 1922,,S. 71

4Die Bibel, Altes und Neues Testament, Einheitsübersetzung, Buch der Richter, 11,1Stuttgart 1980, S. 251

5Manfred Koller, Die Brüder Strudel, Hofkünstler und Gründer der Wiener Kunstakademie, Innsbruck 1993, S. 154

6Die Bibel ..., a.a.O., Levitikus 20, S. 115

7Grimschitz, Hildebrandts künstlerische Entwicklung …, a.a.O., S. 13

8Albert Ilg, Portale von Wiener Profanbauten des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, Sechzig Lichtdrucke nach Photographischen Aufnahmen, Wien 1894, S. 13

9Maria Breunlich Übers.), Lady Mary Montagu, Briefe aus Wien, Wien 1985 , S. 15

10Michael Haberlandt, Die nationale Kultur der österreichischen Völkerstämme, Wien 1917, S. 93

11Leopold Schmidt, Das österreichische Museum für Volkskunde, Wien 1960, S. 66

12Schmidt, Museum für Volkskunde …, a.a.O., S. 65

13http://diepresse.com/home/kultur/kunst/523140/index.do

14http://elisabethkerschbaum.wordpress.com/2009/04/16/bundesrat-090416-vizekanzler-berichte-berichte-berichte/

15http://diepresse.com/home/kultur/kunst/523140/index.do

16http://wien.orf.at/stories/326135/

17http://www.sueddeutsche.de/muenchen/490/456160/text/

18http://www.spezialtiefbau.bilfinger.de/C1257130005050D5/vwContentByKey/N2765K38099GPERDE/$FILE/ATTQTRY7.pdf

19http://www.sueddeutsche.de/muenchen/343/501597/text/

20http://www.sueddeutsche.de/muenchen/848/470398/text/ und http://www.sueddeutsche.de/muenchen/551/306511/text/

21http://www.bda.at/documents/594874596.pdf

22http://www.bda.at/documents/261290404.doc

23http://www.wienerbezirksblatt.at/inhalt/politik_aktuell/bezirkspolitik/11266

24Klaus Beitl, Eugenie Goldstern (1884 – 1942), Verlobungs-, Hochzeits- und Bestattungsbräuche in der Maurienne (Savoyen), Frühling/Sommer 1914. Hinterlassene Schriften bearbeitet und „restituiert“, in : Freddy Raphael (Hrsg.), „... das Flüstern eines leisen Wehens ...“, Beiträge zur Kultur und Lebenswelt europäischer Juden, Festschrift für Utz Jeggle, Konstanz 2001, S. 173

25Gespräch im Gebirg. Jüdische Begegnungen mit den Alpen, Europäische Sommeruniversität für Jüdische Studien der Universitäten München, Salzburg und Basel, Hohenems, 12. – 17. Juli 2009

26http://viknaodessa.od.ua/news/?news=16989
http://www.odvestnik.com.ua/issue/305/6380/
http://www.odessaglobe.com/novosti/8607/
http://www.odessitclub.org/news/abig.php?num=47
http://glasweb.com/index.php/default/68231/cur_p2

27http://www.albert-ottenbacher.de/goldstern_sammlung/goldstern_sammlung.pdf