Museum in Sippenhaft ?

Einwürfe zum Goldstern – Symposion


Der Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien klagt, sein Haus werde von der ausländischen Berichterstattung schändlich mißhandelt. Erscheint diese laute Klage nicht schuldbewußt ? Macht die andauernde Frage nach der mehr als ein halbes Jahrhundert verschwundenen Sammlung Goldstern das Volkskundemuseum zum Opfer, verfolgt von einer blindwütigen Presse ? Sein Vorgänger versucht zu verschleiern, daß er über das Leben der Eugenie Goldstern nichts weiß. Es gibt keinen Nachruf in der Vereinszeitschrift, weil kein Todesjahr bekannt ist. Die Forscherin hat immerhin seinem Haus Sammlungen „von ganz besonderen Wert“ geschenkt.1 Verwandte, aber auch Leute aus dem französischen Bessans dürfen einen kurzen Blick darauf werfen. Klaus Beitl behauptet fälschlich, die Ethnographin stamme aus Bukarest. Während des Ersten Weltkrieges habe sie sich in der Schweiz aufgehalten und ihre Forschungen bei Professor Girardin in Fribourg fortsetzen können.2


„Das Museum hat die Recherchen des Autors unterstützt. Dennoch konnte für die Herausgabe des Bandes keine Übereinkunft erzielt werden. Die Biographie erschien deshalb beim Verlag Mandelbaum, dank dessen ausgezeichneten Lektorats das Büchlein zur spannenden Lektüre wurde. Durch Hinzufügung eines Kapitels über den Institutsvorstand Richard Wolfram, der nie im Museum tätig war, vermag Albert Ottenbacher auch ein Schlaglicht auf die zeitweilige unrühmliche Rolle der Volkskunde im Dienste des National(sozial)ismus zu werfen. Einem besseren Verständnis der problematischen Beziehung zwischen Eugenie Goldstern und den beiden Museumsprotagonisten, Michael Haberlandt und Arthur Haberlandt, ist dieser Ausblick freilich nicht förderlich. Das ist bedauerlich, weil dadurch in der medialen insbesondere französischen Öffentlichkeit das Museum in eine Art von Sippenhaftung genommen wird.“3


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Universitätsdozent Dr. Richard Wolfram dient der Leitung des Volkskundevereins im Jahr 1937 als „Ausschußrat.“4 1939 wird er zum außerordentlichen Professor ernannt. Ab 1959 ist er Professor für österreichische und europäische Volkskunde und 1963 Ordinarius sowie Vorstand des Instituts an der Universität Wien und Doktorvater von Franz Grieshofer. Er bekommt 1977 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erster Klasse verliehen. In seiner Pflichtvorlesung „Österreichische Volkskunde im Rahmen der europäischen Volkskunde“ hat Wolfram einen weiten Studentenkreis von Historikern und Germanisten mit der Volkskunde und ihren wichtigsten Problemen vertraut gemacht. Seine Lehrtätigkeit endet erst im Wintersemester 1978/79. Wolframs Forschungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen umfassen beinahe alle Gebiete der Volkskunde, als „deren Begründer und Doyen in Österreich der Gelehrte gilt.“5


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Isac Chiva, Laboratoire d'anthropologie scociale, Ecole des Hautes Etudes et Sciences Sociales in Paris schreibt in der Festschrift für Freddy Raphael über die „Affäre Eugenie Goldstern.“ Er nennt seinen Aufsatz „Die Geschichte einer Nicht-Geschichte“:


Die Bemühungen Albert Ottenbachers, die Ende 1999 zur Veröffentlichung von „Eugenie Goldstern, eine Biographie“ führten, hatten mehrere Ziele. (...) Mit Hilfe der Nachkommen von Eugenie Goldstern und im Kontakt mit den Verantwortlichen am Museum für Volkskunde in Wien hat er versucht, das Werk dieser Frau bekannt zu machen, die zeitlebens keine Stellung im Universitätsbereich und in der Wiener Museographie hatte. Insbesondere hat er angeregt, eine Ausstellung der Sammlungen zu organisieren, die sie dem Wiener Museum für Volkskunde geschenkt hat. Vage Versprechungen wurden ihm gemacht, Daten wurden angegeben, die dann verschoben wurden ...


Ottenbacher hatte andererseits den schlechten Geschmack, den antisemitischen Nährboden umzuwühlen, der ab Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich herrschte. Dieser Antisemitismus nahm die Form einer wirklich politischen und ideellen Bewegung an, zuerst bis zum Beginn des Nazismus in Deutschland heimlich, nach dem „Anschluß“ im Jahre 1938 offensichtlich, was in diesem Land doppelt verneint wird. Österreich sah sich nach 1945 als Opfer und will nicht die Existenz eines alten und aggressiven Antisemitismus eingestehen, rassisch, verwurzelt in einem aggressiven Christentum der beispielsweise in der Aktion und den Schriften eines August Rohling oder des Pfarrers Josef Deckert ausgedrückt wurde. Die Österreicher wollen auch nicht zugeben, was die Dokumente dennoch beweisen, die Ottenbacher beibrachte : während der Zeit der heimlichen Existenz der Hitlerbewegung war das Museum ein Treffpunkt für die illegale NSDAP. Schließlich und endlich hat sich niemand gefunden, der für die österreichische Ethnologie und Rassenlehre dieser Zeit getan hat, was ein Hermann Bausinger für die deutsche „Volkskunde“ tat : mit eigenen Worten zu zeigen, daß auch für Österreich gilt : „Wenn es eine Wissenschaft gibt, wo sich der Nationalsozialismus nicht durch Einbruch eingeführt hat, wo er aber eine interne Konsequenz war, so ist es wohl die Volkskunde.“6


Chiva hat das Massaker von Jassy im Juni 1941 überlebt, das auf den Angriff der deutschen und rumänischen Armeen gegen die Sowjetunion erfolgte. „Es war das erste der großen Pogrome jener Zeit, noch vor dem Massaker von Odessa und den Konzentrationslagern.“7 Er kommt im Januar 1948 nach Zwischenstationen in Wien und Innsbruck nach Paris. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften entschließt er sich, über die „ländliche Welt“ zu arbeiten. Für ein knappes Jahrzehnt arbeitet er am Musee National des Arts et Traditions populaires. Es gelingt ihm, deutsche Kollegen für einen Dialog zu gewinnen, „die nicht durch die reine und harte 'Volkskunde' kompromittiert“ sind. Im Jahre 1995 bemerkt er im kleinen Nachrichtenblatt für „Volkskunde in Österreich (n° 4)“ die Ankündigung eines Vortrags, den ein gewisser Albert Ottenbacher aus München halten soll. Der Titel lautet : “Volkskunde als Weg zur Verständigung. Das Leben der Wiener Forscherin Eugenie Goldstern (1883-1942)“. Der erste Satz der Inhaltsangabe beeindruckt den Professor in Paris : „Eine Jüdin aus Odessa stellt sich mit ihren ethnographischen Forschungen gegen Rassismus und Fremdfeindlichkeit.“ Aufmerksam verfolgt er die „Geschichte eines ausradierten Werkes.“8 In der Ferne interessiert er sich für die „Geschichte der Nicht-Reaktionen, des Schweigens“ über eine Feldforscherin, die streng und genau bei den Menschen ermittelt und Serien von Gegenständen wie Spielzeuge sammelt, die gewöhnlich vernachlässigt werden.


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Direktor Grieshofer bemüht sich, zu erklären, wieso die Sammlung Goldstern so lange nicht gezeigt wurde : „Verschiedene Umstände hatten es mit sich gebracht, daß der größte Teil der Sammlung während des letzten halben Jahrhunderts in der Reserve lagerte. Die Sammlung teilte damit das Schicksal vieler anderer Objekte unseres Museums, die ebenfalls deponiert bleiben mußten.“9 Er weist darauf hin, daß vergleichbare Sammlungen aus dem Baskenland, Italien oder Irland „aus diesem Grund zurückstehen“ mußten. Er bezieht sich auf die üppigen Geschenke des Rudolf Trebitsch, der 1908 seine 273 Objekte umfassende Sammlung aus der Bretagne dem Wiener Volkskundemuseum widmet.10 Auf der Suche nach keltischen Restvölkern besucht er 1907 Irland und 1909 Wales, die Aran – Inseln, die Insel Man und Schottland. „Der wohlhabende Sammler“ stiftet seine „457 Nummern umfassende Eskimo-Sammlung“11, 412 kostbare Stücke aus dem Baskenland, sowie die umfangreiche vergleichende Volkskunstsammlungen aus Bosnien, Albanien, Bulgarien, Serbien. Rußland, der Schweiz, Frankreich und Italien „im faktischen Anschaffungswerte von 5000 Kronen, sowie endlich einen Baarbetrag von 15.000 Kronen.“12 Er hilft, eine „volkskundlich äußerst reichhaltigen Sammlung zur Illustration der nationalen Kultur dieser hochaltertümlichen Volksstämme“ einzurichten.13


„Im Erdgeschoss des Museums findet man über einem Durchgang die Aufschrift „Bretagne“. Sie stammt noch aus der Zeit nach 1917, als das Museum im Gartenpalais Schönborn eine neue Heimstätte gefunden hatte, und erinnert daran, dass hier einst die bretonische Sammlung ausgestellt war. Sie war von Rudolf Trebitsch zusammengetragen und dem Museum übergeben worden.“14


Rudolf Trebitsch hat Eskimos 15 medizinisch untersucht16 und ihre Sprache phonographisch aufgezeichnet.17 Er hält sich bei seinen Studien nicht an die Grenzen der Donaumonarchie, konzentriert sich besonders auf die Bewohner der entlegenen Atlantikküsten. Er versucht, die Wiener Ethnologie in die Richtung der „vergleichenden Volkskunde“ zu lenken. Menhire in Cornwall ähneln den Dolmen in der Bretagne. Mit einer Arbeit über „Primitive Schiffsfahrzeuge“ erlangt er 1911 sein zweites Doktorat. Der „Kajak“ der Grönländer ist wie der irische „Currach“ oder „Coracle“ ein Lederboot mit Holzgerüst. Die gezahnte Sichel oder das Erbrecht der Tochter findet sich im Baskenland wie in ganz Nordafrika. 18 Der Dreschwagen ist in Armenien wie im Piemont gebräuchlich. 19 Die baskische Hanf- und Flachsbreche kann mit der bündnerischen, italienischen oder französischen verglichen werden.20


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Die Räume mit dem Spinnwerkzeug und dem Hirtengerät aus der Campagna und Sizilien, den Schrankbetten, geschnitzten Kapellenbalken aus der Bretagne sind im Jahre 1930 nur noch „gegen vorherige Anmeldung bei der Direktion“ zu besichtigen.21 Eine bronzene Gedenktafel mit dem Reliefporträt des Forschers Trebitsch wird im Jahre 1938 aus dem Hof des Schönbornpalais verbannt. Zwanzig Jahre nach dem Tod des „großen Wiener Sammlers“ schreiben die Nationalsozialisten im Volkskundemuseum „die Dankbarkeit gegen derartige Leistungen recht klein ...“22 Wird in dieser Zeit die Sammlung Trebitsch aufgelöst, verstreut, teilweise vernichtet ? Die Auswertung der Baskensammlung „ist bis heute eine noch offene Aufgabe geblieben.“23 Verschwinden Teile der Sammlung, die Rudolf Trebitsch in die Obhut des Österreichischen Museums für Volkskunde gibt, zu der Zeit der großen Raubzüge der Nationalsozialisten in Europa ? Werden sperrige Objekte der umfangreichen „Vergleichssammlung“ ausgeschieden, weil für Neuzugänge Platz geschaffen werden soll ? Führt rassistisches Denken dazu, das Vermächtnis des Forschers zu tilgen ? Darf nichts mehr an die jüdischen Forscher erinnern, die sich für das harte Leben von Fischern und Bauer interessieren ? Soll das Bild vom „Volk“, das Goldstern und Trebitsch mitprägten, aus der Welt geschafft werden ? Versucht die völkisch veranschlagte Ethnographie, den alten kosmopolitischen Ansatz einer weit über Grenzen hinaus vergleichenden Volkskunde zu tilgen, indem es ihr Sammlungsgut versteckt und vernichtet ?


Im Jahre 1911 als noch der Großteil der Verwaltungsausgaben und Ankaufskosten von Volkskundeverein und Museum aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden „großmütiger, begüterter Freunde“ bestritten werden muß,24 tritt das Bankhaus S. M. von Rothschild als Mäzen in Erscheinung.25 1931 spenden Kommerzialrat Oskar Trebitsch und die Bank Rothschild jeweils 500 Schilling.26 Am 15.1. 1942 ersucht Museumsdirektor Arthur Haberlandt das Generalsekretariat für Kunstförderung, Staatstheater, Museen und Volksbildung um Zuweisung von beschlagnahmtem Kunstbesitz. Aus der Beute unter „Führervorbehalt“, den Sammlungen der Familien Popper, Bondy und von Albert Pollak hat er sich bereits bedient. Er unterzeichnet eigenhändig am 1.7.1943 eine „Übernahmsbestätigung.“ 27 Volkskundlich bedeutsame Gegenstände, darunter 41 Krippenfiguren, Keramik und Zinn aus der Sammlung von Alphons und Louis de Rothschild gelangen in das Schönbornpalais. Sechs bronzene Wandappliken im Rokokostil, eine gotische silberbeschlagene Elfenbeinkassette, ein barock bemalter Glashumpen, zwei geschnitzte sitzende Löwen finden ihren Weg in die Volkskundesammlung.


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Dr. Kajetan Mühlmann gehört in der Zeit des Verbotes der NSDAP zu den engsten Mitarbeitern des Rechtsanwaltes Dr. Seyß - Inquart. Er hat wegen illegaler Betätigung als Nationalsozialist acht Monate im Gefängnis verbracht und fungiert nach dem „Anschluß“ als Staatssekretär und Leiter der Abteilung III im Amte des Reichsstatthalters.28 Der Kunsthistoriker Mühlmann ist seit 25.7.1938 Sturmbannführer der SS.29 Er sorgt sich um das Volkskundemuseum. Am 30.6.1938 erteilt er die Weisung zur „Sanierung des Anstellungsverhältnisses“ seiner Mitarbeiter.30 Zwei Monate später schreibt er in seiner Eigenschaft als „Staatskommissar“ an den Gauleiter von „Oberdonau“ August Eigruber im Landhaus von Linz. Konrad David Mautner hat schon im Jahre 1909 in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde über die „Unterhaltungen der Gößler Holzknechte“ geschrieben.31 Aus dem Nachlaß „des Juden Mautner, Grundlsee, Archkogel 62“32 übernimmt das Volkskundemuseum Bilder, Archivalien und Schriften. Siebzig „Gegenstände volkskünstlerischen Charakters aus dem Salzkammergut“, darunter eine Weihnachtskrippe und ein Votivbild wandern im Jahre 1938 in die Laudongasse.33 1948 muß das Bundesdenkmalamt feststellen, „daß sich noch Gegenstände in der Verwahrung des Museums befanden, die in der vorliegenden Liste nicht vermerkt sind und über deren anderweitige Verwendung hieramts keine Unterlagen vorhanden sind.“34 Zwei Jahre später liegt dem Bundesministerium für Inneres in Wien ein ordentliches Auslieferungsbegehren der Republik Polen vor. Es ist damit begründet, daß Mühlmann als Sonderbeauftragter des Reichsmarschalls Kunstgegenstände „aus privatem und öffentlichem Eigentum aus dem Gebiet des gewesenen Generalgouvernement geraubt, sich einen Teil davon selbst angeeignet, einen anderen Teil davon verschenkt“ habe.35


Professor Haberlandt dient 1939 als Sachbearbeiter für Ethnographie und Kulturwissenschaft der Dienststelle des „Herrn Sonderbeauftragten für Kunst und Wissenschaft Staatssekretär beim Generalgouverneur.“36 Laufend und ausführlich wird dem „Herrn Staatskommissar Dr. Mühlmann in Krakau“ über die „dienstliche Inspektionsreise“ in Polen berichtet. Die in den zerschossenen Gebäuden des „völker- und volkskundlichen Museums (Podwale)“ in Warschau noch vorhandenen Sammlungsgegenstände müssen „im Einvernehmen mit Herrn Dr. Mühlmann“ verpackt und nach Krakau abtransportiert werden. Der Direktor des Wiener Museums für Volkskunde meldet „Erstanspruch“ auf Stücke aus der Ethnographischen Sammlung des Narodowe-Museums in Warschau „in Bausch und Bogen“ an.37 „Bei allfälliger Aufteilung“ der Bestände des Ethnographischen Museums am Wawel würde er gerne seine Sammlung mit Trachten, Möbelstücken und Keramik ergänzen. 1940 ist Mühlmann Standartenführer der SS. Das „Gaupersonalamt“ mutmaßt in einer politischen Beurteilung : „Seine Verbindung dürfte zu Himmler reichen.“38


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„Das doppelte Stigma der Eugenie Goldstern“ beschäftigt die CeiberWeiber39. Alexandra Bader schreibt über das „Schicksal einer verkannten Wissenschafterin“:


Volkskunde - Pionierin und Jüdin - diese Kennzeichen führten nicht nur dazu, daß Eugenie Goldstern (1884-1942) von den Nationalsozialisten ermordet wurde, es bedeutet auch, daß ihre Leistungen nicht einmal posthum gewürdigt werden. Zu Lebzeiten wollten viele Wissenschafter kaum von der Kollegin Notiz nehmen, darunter einige Nazis, die nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich rasch rehabilitiert waren. Da Goldsterns Sammlungen im Keller des Volkskunde-Museums verstaubten, mußte sie als Frau und Jüdin doch in Vergessenheit geraten.


Klaus Beitl stellt die Frage „nach dem Versiegen ihrer wissenschaftlichen Forschungen“40 Mitte der Zwanziger Jahre. Er kann nicht ausschließen, daß es zusammenhängt mit der „zunehmenden Einengung des Blickes der neuromantischen und nationalen Volkskunde.“41 Meint er das Stichwort „Jude“ im Wörterbuch der deutschen Volkskunde, das sein Vater 1936 herausbringt ? Dort werden die Begriffe des „Ewigen Juden“, „Blutjuden“ und des „Packjuden“ erklärt. Recht und Brauch zeigen „in der Vergangenheit das deutsche Volk in fast sachlicher Trennung vom fremdrassigen Volkstum.“42 In der Ausgabe von 1955 fragt er sich, ob sich mit der Gründung des eigenen Staates „in der orientalischen Stammheimat auch eine volkstümliche Nationalkultur, ein eigentliches jüdisches Volkstum“ entwickeln wird.43 Sein Sohn läßt in der Auflage von 1974 das Stichwort zwischen Judas Thaddäus und Judenblume entfallen.


Klaus Beitl rätselt über das „Abbrechen der wissenschaftlichen Tätigkeit von Eugenie Goldstern“, vermutet die Ursachen in ihrer „prekären gesundheitlichen Verfassung.“44 Aus einer Postkarte, auf der Bruder Iljuscha über den eigenen Schnupfen und einen Gallenfall seiner Gattin berichtet und bedauert, daß seine Schwester sich nicht wohl befindet schließt er auf „Krankheit und psychische Beeinträchtigung.“ Wenn sie in einem Brief an Michael Haberlandt über „die gegenwärtigen traurigen Verhältnisse in Österreich“45 klagt, ausführlich über ihre Studien, die bevorstehende Promotion und beiläufig von einer überstandenen Grippe berichtet, ist ihr das nicht als Schwäche anzulasten. Hängt sie an überholten Hoffnungen, versucht unterwürfig und verzweifelt, in den Amtsräumen des Schönbornpalais einst beschworene Gemeinsamkeiten einzufordern ? Ist das Ideal einer vergleichenden Volkskunde verblaßt ? Ist eine teilnehmende Beobachtung veraltet, die Betrachtete, wie Beobachter auf gleiche Stufe stellt ? Von vergleichender europäischer Ethnologie ist längst keine Rede mehr. Wie könnte Eugenie Goldstern eine Bekräftigung der ihr einst vorgeschützten Grundsätze einklagen ?


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Arthur, der Sohn von Michael Haberlandt behauptet 1912 in seiner Dissertation, es gebe auf dem Balkan „Prähistorisch - Ethnograpische Parallelen“. Er räsoniert, „ ganz Osteuropa“ stelle ein „Gebiet primitiverer Artung dar, als der zu höherer und mannigfaltigerer Kulturblüte gelangte Westen.“46 Aufgrund einer ungeheueren Rückständigkeit sei es zur „Bewahrung uralter, prähistorischer Kulturerscheinungen gekommen.“ Die Vorführung der „primitiven Überlebsel der Volkskunst Osteuropas“ 47 dient zum Nachweis westlicher Überlegenheit. Die These seiner Habilitationsschrift, daß sich „Prähistorisches in der Volkskunst Osteuropas“ bis auf den heutigen Tag erhalten habe, führt zur Rechtfertigung von Herrschaftsansprüchen der fortschrittlichen, modernen Nationen. Die Forderung, derart primitives Volkstum der „höheren europäischen Zivilisation“ einzuverleiben, ist eine logische Folge. 48


1915/16 nimmt er nicht „an einer historisch-ethnographischen Balkanexkursion“ teil, wie Franz Grieshofer schreibt.49 Er arbeitet an einer militärischen „Balkan - Expedition.“50 Als Offizier des Gebirgsartillerie – Regiments Nr. 8 wird er am 5.5.1916 dem k. k. Unterrichtsministerium „zum Zwecke einer wissenschaftlichen Balkanexpedition“ zur Verfügung gestellt. Er bereist „im Auftrage des genannten Ministeriums Montenegro, Serbien und Albanien in der Zeit vom Mai bis Ende August.“ Mit militärischen Fassungskommandos und Bergestellen werden zehntausend Ausstellungsstücke zur Volkskunde der besetzten Balkangebiete beschafft. Am 1.12.1916 rückt er wieder zum Ersatz-Kader seines Regimentes in Steyr ein. Die „Früchte des Zusammenwirkens von Front und Wissenschaft“51 werden 1917 im großen Festsaal der Wiener Universität triumphal ausgestellt. „... ein Beweis dafür, in welchem Ausmaß die Museumsleitung die Zeit zu nutzen verstanden hatte“, schließt der Nachfolger Leopold Schmidt.52 Haberlandt darf sich „nach Maßgabe seines militärischen Dienstes fallweise für die dringendsten Übersiedlungsarbeiten“ zur Verfügung stellen. Der Leutnant hilft beim Umzug des Museums aus dem Börsengebäude in das Schönbornpalais.53 Er kümmert sich um die Veröffentlichung seiner Studien. Die Ergebnisse seiner Forschungsreisen erscheinen 1917 als „Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Volkskunde von Montenegro, Albanien und Serbien“ in einem Ergänzungsband der Zeitschrift für österreichische Volkskunde. Als Frucht seiner militärisch geförderten Forschungs- und Sammeltätigkeit erscheint 1919 seine Monographie über „Die Volkskunst der Balkanländer“.


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Mit den großen Eisenbahnlinien und Dampferverbindungen erschließen sich der Forschung neue Sichtweisen. Entdecker waren bei ihren Reisen an die äußersten Grenzen zu Anfang des Jahrhunderts noch auf kaiserliche Fregatten, eigene Forschungsschiffe, einen ganzen Troß von Helfern angewiesen. Durch die neuen Verkehrsmittel können sie ihren Weg selbst einschlagen, schnell und wendig ihre Beobachtungsfelder aufsuchen. Sie werden unabhängig von örtlichen Veranstaltern, gewieften Standespersonen, die ihnen ein gefälliges Bild der Folklore aufbereiten. Sie erscheinen unerwartet an den Schauplätzen, richten sich nicht mehr steif nach den Vorgaben früherer Reisebeschreibungen, weil jede Unternehmung ein Vermögen kostet.


Der Weltkrieg stützt sich auf das Fassungsvermögen der Zuglinien. Angriffe werden nach dem Verlauf von Schienensträngen geplant. Von der Front rollen die Waggons leer zurück, nur mit Verwundeten, oder Urlaubern beladen. Arthur Haberlandt gelingt es, solch ungenutztes Fassungsvermögen für volkskundliche Zwecke zu beschaffen. Es bleibt unklar, wie er seine Sammlung in den von Kämpfen bedrohten oder verwüsteten Gebieten vervollständigt. Die örtlichen Besitzer sind kaum bereit, ihre kostbaren, empfindlichen Kunstgegenstände einem Artillerieleutnant anzuvertrauen, der sie umgehend in das ferne Wien schaffen will. Pfarrer, Museumsleiter, die Fachleute, Liebhaber und Sammler werden wohl lieber ihre Schätze versperren und verstecken, als sie militärischen „Bergekommandos“ anzuvertrauen. Inwieweit geht die überreiche Ausbeute der „Balkan - Expedition“ des Arthur Haberlandt auf blanke Erpressung und schlichte Plünderung zurück ?


Arthur Haberlandt hat die triumphale Ausstellung seiner Ausbeute beendet, schafft sie in das von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellte Schönbornpalais in der Josephstadt. Er denkt an Eugenie Goldstern als unbezahlte, gut ausgebildete Hilfskraft. Wegen einer „Herznervenschwäche“ ist er nicht mehr tauglich für die Front. Er versucht, sich in der Heimat unentbehrlich zu machen. Der Vater bemüht sich, eine willige Mitarbeiterin zu gewinnen. Der Winter 1916 war sehr hart, die Versorgung im zweiten Kriegsjahr furchtbar schlecht. In der Fango-Klinik des Samuel Goldstern braucht niemand Hunger zu leiden. Eugenie Goldstern ist in den Novembertagen 1917 krank, wohnt bei ihrem Bruder, entschuldigt sich freundlich, vielleicht etwas gestelzt bei Hofrat Haberlandt.


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Brief von Eugenie Goldstern an Professor Michael Haberlandt, Wien 11.11.191754


Ihre außerordentliche Güte rührt mich tief. Mein Bruder erzählte mir, sie hätten sich nach meinem Befinden erkundigt und ich war so unartig Sie, sehr geehrter Herr Professor, nicht einmal rechtzeitig zu verständigen, daß ich mich leider nicht genug gesund fühle, um bei Ihnen arbeiten zu können. Und nun bekam ich heute Ihren lieben aufmunternden Brief, der mir viel Freude bereitete und mich zu doppeltem Dank verpflichtet. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Professor, versichert zu sein, daß es mein sehnlichster Wunsch ist, unter ihrer Leitung wieder arbeiten zu dürfen und wenn etwas dazu beitragen kann, so sind es nicht zuletzt die gütigen freundlichen Worte, die Sie an mich wendeten.


Mit freundlichen Grüßen

Ihre dankbar ergebene

Eugenie Goldstern


P. S. Mein Bruder bittet, die besten Empfehlungen und den Ausdruck einer besonderen Verehrung Ihnen zu übermitteln


War das Nachdenken über weitreichende Gemeinsamkeiten der menschlichen Kultur nur ein flüchtiges Hirngespinst, absichtlich vorgespiegelt von Hofrat und Kustos ? Wurde nur probeweise auf beflügelnde Völkerverbindungen angespielt ? Sind die jüdischen Studenten und Förderer leichtgläubig einem Mißverständnis aufgesessen ? Verbirgt sich hinter den Plänen des Michael Haberlandt schon der Wahn, über das sammelnd und beschreibend Erfasste zukunftsweisend sachverständig, richterlich endgültig, zu urteilen ? Verkappt sich früh, was später als nationalsozialistisch tückische „Gegnerforschung“ auftritt ? Soll die Forscherin ihre Enttäuschung über das Mißverständnis zugeben ? Wer würde ihre Gefühle teilen ? Der erfolgreiche Arzt und Klinikleiter Samuel Goldstern versichert den Hofrat Haberlandt seiner besonderen Wertschätzung. Er verdeutlicht, daß er die Bedenken seiner Schwester Eugenie teilt. Soll sie ihre Augen verschließen vor der Wirklichkeit einer Volkskunde, die sich vordergründig hilfreich den Beforschten darbietet, aber letztlich beabsichtigt, den Mächtigen zu dienen ?

Wie ernst war Michael Haberlandt ein auf Gleichheit gegründetes Denken, das den Feldforschungen seiner Kollegin zugrunde liegt ? Wagt er sich je in die Fremde, verläßt sich auf die großzügige Hilfe, die freundliche Mitteilsamkeit der am fernen Ort Ansässigen ? Inwiefern täuschen sich Goldstern und Trebitsch von Anbeginn ? Schließt Arthur Haberlandt an alte Gepflogenheiten an, wenn er schon früh der in Deutschland um sich greifenden „Rassenpsychologie“ anbietet, ihr mit den Verfahren einer völkisch abgerichteten Ethnographie zu Diensten zu stehen ? Er träumt von einer „körperlichen und seelischen Aufartung des Deutschtums“55 und ersehnt von „geschichtlich gefestigtem Kulturwillen getragene Erscheinungen, die in ihren letzten Hintergründen dem Führerwillen bestimmter Rassen entsprechen mögen ...“56 Läßt sich seine Abhandlung aus dem Jahre 1919 über Volkskunst der Balkanländer aus dem Streben nach einer „völkischen wie rassischen Zuordnung“ ihrer vielfältigen Formen begreifen ?57


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Unter der Überschrift der „Urethnographie“ werden zwei Standpunkte vermischt, die sich zu dieser Zeit immer stärker widersprechen. „Primitives“ in den Alpen nachzuweisen bedeutet, auf gemeinsame, völkerübergreifende, grenzüberschreitende „Urgedanken“ hinzuweisen. „Primitives“ auf dem Balkan zu entdecken, legt nahe, die dortigen aufständischen Störenfriede ihrer Barbarei entsprechend hart zu behandeln. Die Idee des Museumsgründers Haberlandt, eine Vergleichssammlung mit Sachzeugnissen allgemeiner „Völkergedanken“ aufzubauen, geht auf Friedenszeiten zurück. Kosmopolitisch Geistreiches ist nicht mehr gefragt. Erwerbungen des Rudolf Trebitsch von den irischen „Inselkelten“, den bretonischen „Festlandskelten“ kommen jetzt aus Feindesland.


Ergologie des Primitiven


In dem 1889 eröffneten Naturhistorischen Hofmuseum ist der „Kulturbesitz der meisten außereuropäischen Völker“ untergebracht.58 Die Fregatten der Kriegsmarine kehren mit stattlicher Ausbeute aus dem Roten Meer, von einer ostasiatischen Expedition und einer Weltumsegelung zurück. Das Kanonenboot „Albatros“ und die Schiffe „Pola, Fasana und Saida“59 unternehmen Forschungsfahrten. Das Haus Habsburg finanziert zahlreiche Expeditionen. Mitglieder der kaiserlichen Familie nehmen wesentlichen Anteil an den Erfolgen der österreichischen Entdecker. Erzherzöge fahren zur See. Am Burgring sind die Sammlungen der „Eingebornen der Malediven“, der Eskimos und Chinesen, „Volk und Kultur in Japan“ zu bewundern. Der Völkerkundeforscher beeilt sich, der Auslöschung seines Gegenstandes zuvorzukommen. Er muß sicherstellen, aufzeichnen, festhalten, was bald von kriegerisch aufgezwungenen Verhältnissen ausgelöscht sein wird. Er muß den Kartätschen der Expeditionstruppen, der alles einebnenden Mission zuvorkommen.


In Wien laufen die Fäden zusammen, sammeln sich Nachrichten aus allen Landesteilen. In der Hauptstadt wird über die Randbezirke entschieden. Die Universität, die Kliniken, die Oper, die Börse, die Museen behaupten ihre über die Grenzen reichende, führende Stellung. Die prächtige Metropole prägt den modischen Geschmack, die kulturellen Vorlieben bis in die letzten Winkel des Reiches. Die Volkskunde kehrt diese Bewegung um, zeigt den eigenartigen Schönheitsbegriff, das sonderliche Brauchtum entlegener Gebiete inmitten der Kaiserstadt. Den Grundstock der anthropologisch-ethnographischen Sammlungen bilden die in den Jahren 1857 bis 1859 von der Expedition „Seiner Majestät Fregatte Novara“ gesammelten anthropologischen Objekte, die zuerst Bestandteil des Naturalien - Cabinetts waren. Im Dezember 1894 gründen zwei Mitarbeiter der Anthropologischen Abteilung des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums den „Verein für österreichische Volkskunde“.60


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Die Ethnographie berichtet im Zentrum der Macht, von einer anderen Art zu denken und zu wirtschaften. Sie würdigt provinzielle Leistungen an maßgeblicher Stelle. Sie ehrt großmütig das Randständige, fördert den Austausch, weckt gegenseitiges Verständnis, strebt, die auseinanderfallenden „nationalen Abschattungen“61 unter der Krone zu halten. Die sprudelnden Einfälle, die ungemeine Kraft, das bewundernswerte Geschick soll vorbildlich wirken für die neuzeitliche massenhafte Fertigung. Der strenge, überlieferte Entwurf könnte die gewerbliche und industrielle Serienherstellung beflügeln. Die formschönen Ideen aus den äußersten Bezirken sollen den allgemeinen Geschmack bilden, Handel und Wandel zu neuem Leben verhelfen.


Unter dem beamteten „Kustos I. Klasse“62 Michael Haberlandt bemächtigt sich der ethnographische Apparat der „Volkskunde der österreichischen Länder“. Er erklärt : „Wir kümmern uns nicht um die Nationalitäten selbst, sondern um ihre volksthümliche Unterschicht, dessen primitivem Wirtschaftsbetrieb eine primitive Lebensführung, ein urwüchsiger Geisteszustand entspricht ...“63 Der „Ausschußrat“ der Anthropologischen Gesellschaft sammelt „Wörter und Sachen“, um sie in den Winkeln und Regalen seiner Bibliothek, des Archivs und Depots zu reihen. Die geschlichtete und gestapelte fremde Habe, begründet Herrschaft. Das verborgene Gut gibt dem Urteil des frisch gebackenen außerordentlichen Universitätsprofessor letztgültiges Gewicht. Er kann sie als Beleg seiner Lehren vorlegen, ihren Anblick zulassen oder verweigern. Als Gebieter über die volkskundlichen Sammlungen bestimmt er über ihre Deutung. Der Direktor des Museums kann verbergen oder hervorkehren, wie es ihm im Interesse seiner Majestät, des „allergnädigsten Herrn“ in Bad Ischl geboten erscheint.


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Michael Haberlandt entwickelt seine Vorstellungen in der ersten Ausgabe der Zeitschrift für österreichische Volkskunde 64 :


Von den Karpathen bis zur Adria wohnt in dem von Natur und Geschichte gefügten Rahmen des Vaterlandes eine bunte Fülle von Völkerstämmen, welche wie in einem Auszug die ethnographische Mannigfaltigkeit Europas repräsentiert. Germanen, Slaven und Romanen - die Hauptstämme der indo -  europäischen Völkerfamilie - setzen in verschiedener Schichtung und nationalen Abschattungen die österreichische Bevölkerung zusammen. Wir bekümmern uns aber nicht um die Nationalitäten selbst, sondern um ihre volksthümliche, urwüchsige Grundlage.


Um die Erforschung und Darstellung der volksthümlichen Unterschicht ist es uns allein zu thun. Das eigentliche Volk, dessen primitivem Wirtschaftsbetrieb eine primitive Lebensführung, ein urwüchsiger Geisteszustand entspricht, wollen wir in seinen Naturformen erkennen, erklären und darstellen. Ersteres durch die Mittel und Methode der Wissenschaft in unserer Zeitschrift; letzteres - da die volksthümlichen Dinge in raschem Verschwinden begriffen sind, durch die Bergung und Aufsammlung in einem Museum. Beide Thätigkeiten werden auf österreichischem Boden von selbst und nothgedrungen vergleichende sein.


Die neue Wissenschaft der Ethnographie entwirft eine phantastische Vision von den natürlichen Grundlagen des Kaiserreiches. Das Regiment fußt nicht mehr allein auf der Gnade Gottes. Es entspricht einvernehmlich der inneren Verfassung seines Volkes, des kindliche Treue und Liebe zum Kaiserreich wissenschaftlich festzustellen ist. Das Volkskundemuseum wird im Jahre 1895 gegründet. Haberlandt unterstellt der Habsburger Monarchie eine „volksthümliche, urwüchsige Grundlage“65 und verschafft ihr die Rechtfertigung, den Vielvölkerstaat gewaltsam zu behaupten. Das „Urwüchsige“ hat sich unterzuordnen, dem wissenschaftlich und technisch Modernen zu gehorchen. Bestrebungen, sich von der Krone loszusagen, zu einzelnen Staaten abzufallen, würden der religiösen, wie der ethnographisch erwiesenen Rechtfertigung der königlich kaiserlichen Herrschaft Hohn sprechen. Die „naturwüchsigen Volksäußerungen“ sollen über alle nationalen Grenzen hinwegreichen und ein „tieferes Entwicklungsprincip als das der Nationalität“ erkennen lassen.66


Michael Haberlandt untersucht die Ergologie des Primitiven. 67 Er stößt auf Zusammenhänge zwischen dem „Wirtschaftsbetrieb“ und der „Lebensführung“. 68 Er stellt einen „Kommunismus“ im gemeinschaftlichen Vorgehen bei Jagd, Fischfang oder Bodenbearbeitung fest.69 Er weist auf die „Restvölker“ hin, bei denen sich uralte Lebens- und Arbeitsformen erhalten haben. Er lenkt die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf „Randvölker“, die sich als äußerste Vorposten menschlicher Kultur gegen eine übermächtige, unwirtliche natürliche Umgebung behaupten.70 Er weckt damit das Interesse von Eugenie Goldstern an „oft altertümlich verbliebene Sprachgemeinschaften innerhalb oder am Rande der neueren Nationalstaaten“71, die in ihren Rückzugsgebieten Alternativen zu den modernen Erscheinungen der Entwurzelung und Entfremdung sein könnten.


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Das aufstrebende Fach der Volkskunde erlaubt, innere Widersprüche der verschiedenen „nationalen Abschattungen“ zu nutzen, gegeneinander auszuspielen, zu teilen und zu herrschen. „Germanen, Slawen und Romanen“ sollen sich einmütig dem Wiener apostolischen Regenten unterwerfen. Die Volkskunde bietet sich an, bei der Unterdrückung unbotmäßiger nationaler Spielarten zu helfen. Ein gemeinsamer, sämtliche Völker verbindender Urgrund muß herausgestrichen werden, um dem Zerfall des alten Reiches zu begegnen. Der rückwärts gerichtete Traum vom alles übergreifenden, vereinenden „Volk“ dient als Gegenentwurf zu den auseinanderstrebenden nationalistischen Bewegungen. Volkskunde hat der großen vaterländischen Sache zu dienen, darf nicht ablenken, stören auf dem Weg zum Sieg. Sie soll Kräfte bündeln, Zuversicht in die eigene Stärke, Verachtung für die „primitiven“ Anderen verbreiten. Die Slowenen, Tschechen, Slowaken, Südtiroler und Bewohner des Küstenlandes stehen noch einigermaßen treu zum Doppeladler. Das kernige Selbstbild der „deutschen Volkskunde“ ist erst gefragt, wenn sicher ist, daß die Monarchie ihre einende Kraft verloren hat.


Die Sammlungen beweisen, wie rückständig Andere sind. Der eigene Führungsanspruch „von den Karpathen bis zur Adria“ beruht auf dem Geschick, bedachtsam und wohlüberlegt Fremdes in die eigenen Sammlungsräume einzubringen. Haberlandt bemerkt : „Durch die bunte ethnographische Zusammensetzung Österreichs ist uns die vergleichende Richtung des Volksstudiums geradezu selbstverständlich gegeben.“72 Die ordnende, vergleichende Ethnologie glaubt, die Sachzeugnisse zu verstehen, das Angeeignete zu begreifen. Sie schwingt sich vertraulich, ungemein kenntnisreich über das Anempfohlene auf. In dieser herablassenden Haltung begegnet sie der Volkskunst, der „volksthümlichen Unterschicht“.73 Der Forscher tritt dem Kunsthandwerker aus der bunten „Fülle von Völkerstämmen“ wie einem Verlierer, Unterworfenen gegenüber. Er allein wird ihm gerecht, handelt an Stelle des einfachen Menschen, rückt ihn in das rechte Licht. Der väterliche Freund zeigt in seinem Sinn in der Hauptstadt, wie fleißig und geschickt der Schützling seinen Hausrat, Geräte, Tracht und Glaubensbeweise gestaltet. Ohne diese wohlmeinende wissenschaftliche Fürsprache bliebe das altertümlich bäurische Zeug unbeachtet, würde untergehen im Taumel moderner Veränderung.


Der Forscher tritt in eine enge Beziehung zu den fürsorglich in die Museen geschafften Gegenständen. Zuerst muß er über sie Bescheid wissen, ihren Zweck und Wert kennen, um sie überhaupt anvertraut zu bekommen. Indem er sich erkundigt, sorgfältig aufzeichnet, beschreibt, studiert, tritt er den Lebensverhältnissen nahe, aus denen sie stammen. Wie der Besitzer eines Landstriches weiß er, wie es am besten zu bestellen, wie ihm der höchste Ertrag zu entlocken ist. In seinen Registerbänden werden örtliche Eigenheiten, persönliche Merkmale, beobachtete Verfahren vermerkt. Mit seinem Wissen darum, wie die merkwürdigen Sachen hergestellt und genutzt werden, wirkt er ernsthaft, vertrauenswürdig. Der teilnahmsvolle, interessierte Herr ist geschätzt an den Rändern seines Machtbereiches. In seiner Mitte wird er bewundert, weil es ihm gelingt, den fruchtbaren Urgrund, das saftstrotzende Wurzelwerk zu bezeichnen, aus dem das moderne Regime emporstrebt. Seine Art zu fragen, verstehen zu wollen, ebnet ihm den Weg in die Stuben und Kammern auf dem Lande. Seine Entdeckungen und Einsichten öffnen ihm die Türen der wissenschaftlichen Gesellschaften, der Kongreßsäle.


Bald wird er versuchen, das Erfasste in systematischen Zusammenhang zu bringen, fachmännisch zu gruppieren, abzuleiten, zuzuschreiben, Bilanz zu ziehen. Seine Lehren werden in geachteten Fachzeitschriften wahrgenommen, gehen ein in bedeutsame Bände. Seine Erkenntnisse sind anschaulich vorzuführen, auszustellen, dauerhaft hinter Glas zu belegen. Die Wissenschaft an den Schnittstellen des großen Reiches stützt sich auf den Bericht aus seinen Außenbezirken. nutzt ihre Kraft, beweist, daß das Regiment über den weiten Kreis der Völker wohlbegründet sei. Jedes gönnerisch zugedachte Lob unterstreicht die höher stehende Urteilskraft des Fachmannes. Jede gutmütige Anerkennung betont das Gefälle. Selbstbewußt baut das überlegene Zentrum auf die Zuneigung des Hinterlandes, behauptet seinen Überblick. Die Schaltstelle inmitten des Reiches hält gleichen Abstand zu der widersprüchlichen Vielfalt, die nur aus der erhobenen Lage gerecht eingeschätzt und mit starker Hand regiert werden kann.


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Das ungenügende, bruchstückhafte Bild von den Verhältnissen an den abgelegenen Grenzen erlaubt, Fehlendes aus landläufiger Erfahrung, dem eigenen Innersten zu füllen. Eine unvermutete Selbstschau schleicht sich in die Ergründung der Peripherie. Ideale Urzustände, wildes, ungezügeltes Leben sind aus eigener unbewußter Seelentiefe zu übertragen auf das rätselhafte Fremde. Das Primitive ist nötig, um zu beweisen, daß ihm die eigenen Kräfte überlegen sind. Die europäische Kunst will sich mit ihm messen, es in den Schatten stellen. Sie spielt ihre Vorzüge aus, gliedert durchdacht, plant von langer Hand, berechnet kühl bis in den letzten Winkel, hält auf die große Line, den inneren Zusammenhang. Insgeheim strebt sie, die rohe Naturgewalt des wilden Anderen in sich aufzunehmen. Die Zentrale will das verborgene Geäder dieser überbordenden Lebensfülle selbst nutzen. Das erbeutete, unterworfene, versklavte, kolonisierte Fremde wird als Trophäe im Siegeszug vorgeführt. Das ausgestellte Überwundene verleiht dem Bezwinger seinen unwiderstehlichen Zauber.


Die europäische Kunst beherrscht das Primitive mehrfach. Es steht ihr als ausdrucksvoll vielfältige Groteske zu Gebote. Selbst darf sie nicht auf ein gewöhnliches Maß an Verständlichkeit herunterkommen, einfach und unmittelbar sprechen. Der gehobene Stil, der würdevoll gemessene Auftritt darf nie durch groben Ausdruck gestört werden. Bei der Betrachtung ihrer eigenen Ursprünge strebt die Hochkunst, alles Unstimmige, Abwegige auszusondern. Schönheit entwickelt sich also ebenmäßig und ausgewogen bei jedem Schritt. Die Kultur soll unentwegt aufsteigend erscheinen, als habe sie bruchlos, zielstrebig zum heute unumstrittenen Höhepunkt geführt. Wie wird „das Primitive“ aus der europäischen Kunstgeschichte ausgesondert ? Was ist in finsteren Lagerräumen abgestellt, unauffällig beiseite geschafft ? Welche Irrwege werden nachträglich aus dem Bewußtsein gelöscht ? Steht die fremde, frühe oder ferne Kunst aus diesem Grund im Naturhistorischen statt im gegenüberliegenden Kunsthistorischen Museum ? Werden Teile der Sammlung Trebitsch mit solchen Hintergedanken ausgelöscht ? Die höhere Kunst und Wissenschaft erheben sich am Burgring über die fremden Völker, die nicht aufgestiegen sind, die verharren in vorgeschichtlichen Zuständen. Schien das Primitive im französischen Gebirge eine Zeitlang geeignet, Herrschaftsansprüche einer vermeintlich feiner entwickelten Kultur zu rechtfertigen ? Beflügelt der Wahn hauptstädtischer Allmacht die frühe österreichische Volkskunde ? Ist diese Urethnographie eine Vorstufe der kolonialistischen Niederwerfung des überlebt Vorsintflutlichen ?


„Die 100 kraniologischen Messungen, die ich an Bessanern vorgenommen habe, ergaben, daß die Bewohner, wie die Mehrzahl der Alpenbewohner stark brachycephal sind : der Maximal-Index bei Männern und Frauen beträgt 90.5.; der durchschnittliche Index 82.0.“74


Haben die Menschen der Haute Maurienne recht, wenn sie befürchten, in Gestalt der Forscherin Eugenie Goldstern trete eine österreichische Spionin auf ? Werden die neuesten Mittel der anthropometrischen Abtastung angewandt, um mit der überlegenen Technik Unterwerfung zu fordern ? Eugenie Goldstern rückt den Menschen in Hochsavoyen mit dem Tasterzirkel auf den Leib, versucht millimetergenau Mittelmaße, verbreitete Typen, durchschnittliche Kopfformen zu ergründen. Werden menschliche Zeugnisse in Lichtbildern und Tondokumenten aufgezeichnet, um ein Gefälle herauszustellen, das die eigene sieghafte Erhebung rechtfertigt ?


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Mit der Monographie der Eugenie Goldstern über das Dorf Bessans entsteht ein Dokument gegenseitigen Verstehens. Als Fragende ist sie aufgenommen in die Kreise der Familien, der bäuerlichen Gemeinschaften, der unverheirateten Antoniusbrüder. Mit ihrer Dissertation kehrt in den Sechziger Jahren ein Teil ihres Lebenswerkes an seinen Ursprungsort zurück. Nun ist den Menschen im Hochgebirge bewußt, daß die Forscherin auf ihrer Seite stand. Sie sind bestürzt, ihr Verrat zugetraut zu haben. Sie sehen, daß sie mit dem Leben bezahlen mußte für ein Völker verbindendes, Grenzen überschreitendes Verständnis von Ethnographie.


Wissenschaftliche Entwicklung kann sich selbständig, eigensinnig abspielen. Sie darf brechen, sich absetzen, dem Überkommenen widersprechen. Sie hat sich nicht den ewig starken Vorkämpfern unterzuordnen, maßgeblichen Leitfiguren nachzueifern. Denkbar bleibt, daß die Anbefohlenen nennenswerte neue Gedanken hervorbringen, zu ungeahnten Grenzen willkürlich, ohne höhere Weisung aufbrechen. Wissen ist nicht allein zu vermehren in der treuen Gefolgschaft großartig heldischer Führergestalten. Platz für den Fortschritt ist nicht allein in dicht geschlossenen Reihen hinter den Rücken vorbildlicher Bahnbrecher. Schüler und Studenten können dem tiefgründigen Ratschluß ihrer Lehrer widersprechen, versuchen, eigene Wege zu gehen. Sie sind nicht dem Bannfluch verfallen, verworfen. Sie müssen nicht mitsamt ihrer Erinnerung unweigerlich ausgelöscht werden. Ihr Andenken muß nicht notwendig untergehen, ihr Werk nicht unbedingt vergessen werden.


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Goldstern und Trebitsch setzen sich in behutsamer, aber unbezwingbarer Neugier mit den primitiven Seiten des christlichen Volksglaubens auseinander. Das Monogramm Christi des Weltenretters auf einem Butterbrett aus Hochsavoyen reizt als schöne Kerbschnittverzierung. Es zeigt, wie ein religiöses Symbol zum Schmuck eines alltäglichen Gebrauchsgegenstandes verweltlicht. Das altehrwürdige Jesuitenwappen prägt sich in das fettige Lebensmittel, bekräftigt seinen Anschein, tadellos rein, frisch und schmackhaft zu sein. Herrschaftskunst ist heruntergestiegen bis zu den ländlichen Tischsitten. Bei den Vergleichsobjekten findet sich dasselbe Zeichen. Es wird im Bereich ostkirchlicher Frömmigkeit in Brote gedrückt. Das Backwerk wird rituell zum „Leib des Herrn“ erklärt. Wer es verzehrt, tritt in mystische Verbindung mit dem Erlöser, gedenkt dessen leiblicher Martern, wird seines Segens teilhaftig. Ein verweltlichtes Judentum steht staunend vor dem Geheimnissen einer in volkstümlichen Zauberglauben umschlagenden katholischen Orthodoxie. Strenggläubige Juden, die um die Jahrhundertwende vor der Verfolgung im Osten fliehen und ihre Bräuche in die Donaumetropole mitbringen, werden weit weniger aufmerksam beachtet. Ist jüdische Volksfrömmigkeit vergleichbar ? Wie wird die christlich Verdinglichung, Verfestigung, die sachliche Umsetzung von Glaubensinhalten beim Übergang von der Schrift zum Bild dort eingeschätzt ?


Die Ausstellung und ihr Katalog beschreiben die von Eugenie Goldstern gesammelten katholischen Heiligenfiguren, die Weihwassergefäße, die Monstranzdarstellung auf dem Hirtenstock, die Statue der Dreifaltigkeit unverwundert. Dergleichen gehört fachgerecht, mit passendem Wortschatz beschrieben. Erstaunen ist ausgeschlossen. Volkskundler kennen die liebenswürdig treuherzigen Seiten solcher Bräuche. Was sie für ein aufgeklärtes Judentum bedeuten, steht nicht in Frage. Wenn Eugenie Goldstern eine plastische Darstellung der „Leidenswerkzeuge des Herrn“ erwirbt, schafft sie ein Zeugnis christlichen Judenhasses in das Museum. Erinnert sie sich an die vorösterliche Zeit, als in ihrer Kindheit und Jugend beinahe alljährlich Pogrome losbrachen ? Die Überlieferung vergißt gern, daß römische Soldaten die Kreuzesmartern vollzogen. Oft muß auf Passionsdarstellungen häßliches Judengesindel als Peiniger des Herrgotts herhalten. Mitunter verkleiden sich die Frommen selbst, grimassieren und fuchteln, um selbst in die Rolle der lustvollen „Gottesmörder“ zu schlüpfen. Auf dem „Kreuz“ aus der Sammlung Goldstern steht ein „Beschneidungsmesser“ dafür, daß die Priester des Alten Bundes zuerst das Blut des Erlösers vergossen. Nägel und Speer, die weitere Wunden verursachen, werden gern als notwendige Folge dieses ersten peinlichen Übergriffes verstanden.


Der Begriff der „Urethnographie“ beschreibt eine Stufe in der wissenschaftlichen Entwicklung, auf der nach „Restvölkern“ und „Überlebseln“ aus grauer Vorzeit gefahndet wird. In der Kalahariwüste sollen Steinzeitmenschen leben. Ihre Werkzeuge und Waffen, ihre Ritzzeichnungen verströmen einen Zauber, der vom Anfang der Menschheitsentwicklung zu stammen scheint. Sind sie nicht tatsächlich auf der Flucht vor kolonialer Unterdrückung, bestreiten ihren Unterhalt bei härtesten Bedingungen, indem sie findig noch die mindesten Überlebensmöglichkeiten nutzen ? Sie weichen in Gebiete, die anderen als unfruchtbar, unbewohnbar, trostlos und verlassen gelten. Eugenie Goldstern begegnet Dergleichen im Hochgebirge. Oberhalb von Turin beginnen die Sprachen sich zu mischen, verfließt französisches Patois mit dem Italienischen, dem nahen Schweizerdeutsch. „Die Bessaner behaupten, daß sie gleich den übrigen Bewohnern der Maurienne Abkömmlinge der Sarazenen seinen, deren letzte Spuren sie in einer „race rouge“ erblicken wollen;“75 Das Land nennt sich Maurienne nach versprengten Sarazenen, die in die Alpen geflüchtet sein sollen. Die Savoyarden sind als Wanderarbeiter und Schausteller bekannt. Ihren Ruf, unstet und leichtfüßig dahinzuleben, haben sie mit den afrikanischen „Buschleuten“ gemein. Sucht Eugenie Goldstern das Dorf im hochgelegenen, abgeschiedenen Tal der Arc nur auf, weil sie der Forschungsmode der „Urethnographie“ folgt ? Besinnt sie sich nicht unausgesprochen auf die vergleichbare Lage, den Rückzug, die Vereinzelung und Ausgrenzung von Juden ?


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Albert Ottenbacher Gotthardstr. 68 80689 München




1Klaus Beitl, Das Wort, die Sache der Vergleich, Österreichische Beiträge zur Volkskunde von Frankreich, Wörter und Sachen, Mitteilungen des Instituts für Gegenwartsvolkskunde, Nr. 20, Wien 1992, S. 115

2Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 115

3Franz Grieshofer, Ur-Ethnographie, Auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur, Die Sammlung Eugenie Goldstern, Katalog des Österreichischen Museums für Volkskunde Bd. 85, Wien 2004, S. 9

4Wiener Zeitschrift für Volkskunde, XLIII. Jhg., Wien 1938, S. 32

5Herwig Würtz, Kalender der Magistratsabteilung 8, Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien 8.8.1991

6Isac Chiva, L' affaire Eugenie Goldstern. L'histoire d'une non-histoire, Revue des sciences sociales,31, Strasbourg 2003, S. 153, Übersetzung von Jeannette Brenner

7Isac Chiva, Getrennte und gekreuzte Wege, Festschrift für Utz Jeggle, Tübingen 2001, S. 9

8Chiva, L' affaire Eugenie Goldstern ..., a.a.O., S. 150

9Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 7

10Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 111

11Leopold Schmidt, Rudolf Trebitsch zum Gedächtnis, Zur Sonderausstellung des Österreichischen Museums für Volkskunde, Wien 1956

12Michael Haberlandt, K.k. Museum für österreichische Volkskunde an das Kultusminsterium, Wien 16.10.1912

13Nachruf auf Rudolf Trebitsch, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, XXIV Jhg., S. 135, Wien Wien 1918

14Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 29

15Trebitsch Rudolf, Bei den Eskimos in Westgrönland, Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906 von R.T., nebst einem ethnologischen Anhang von Michael Haberlandt, Berlin 1910

16Trebitsch Rudolf, Krankheiten der Eskimos in Westgrönland, Wien 1907

17Trebitsch Rudolf, Phonographische Aufnahmen der Eskimosprache, Wien 1906

18Rudolf Trebitsch, Die Basken, Vorbereitungen für eine Reise, Manuskript, o.J., S. 11

19Rudolf Trebitsch, Basken, Manuskript ..., a.a.O., S. 63

20Rudolf Trebitsch,Vergleichende Literatur zur Volkskunde der Basken, Manuskript, Wien 1914, Heft II.

21Arthur Haberlandt, Führer durch das Museum für Volkskunde, Wiener Zeitschrift für Volkskunde, XXXV. Jhg., Wien 1930, S. 131

22Schmidt, Rudolf Trebitsch zum Gedächtnis, a.a.O.

23Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 114

24Zeitschrift für österreichische Volkskunde, XIX. Jahrgang, Wien 1913, S. V

25Zeitschrift für österreichische Volkskunde, XVII Jahrgang, Wien 1911, S. 95

26Wiener Zeitschrift für Volkskunde, XXXVI. Jhg., Wien 1931, S. 54

27Bundesdenkmalamt. Restitutionsmaterialien, Karton 8/1, Mappe 5, Liste II (1942 – 1943)

28Österreichisches Staatsarchiv, Gauakten, Nr. 15.550, Personal=Fragebogen Dr. Kajetan Mühlmann, Wien 28.6.1938

29Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Inneres – Abtg. 2 an das Volksgericht beim Landesgericht für Strafsachen, Wien 28.6.1953

30Gottfried Hohenauer, Österreichisches Staatsarchiv, Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten, Abteilung IV, Zl. 26432/38 Ib, Wien 13.10.1938

31Zeitschrift für österreichische Volkskunde, XV. Jahrgang, Wien 1909, S. 161 ff.

32Kajetan Mühlmann, Einlagebogen zu Zl 2524/Dsch. 38., Bundesdenkmalamt, Restitutionsmaterialien, Wien August 1938

33Arthur Haberlandt, Verzeichnis, Bundesdenkmalamt Zl, 3291/Dsch. 38, Wien 23.9.1938

34Bundesdenkmalamt, Geschäftszahl 7119/48, Wien 24.8.1948

35Österreiches Staatsarchiv, Bundesministerium für Inneres, Generaldirektion für öffentliche Sicherheit, Geschäftszahl 65.304-2/55, Wien 13.5.1955

36Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Akt 3296 c/2

37Arthur Haberlandt, Wien 5.12.1939

38Österreichisches Staatsarchiv, Gauakten, Nr. 15.550, fol. 32, Gaupersonalamt, Wien 31.7.1940

39http://www.ceiberweiber.at/2004/our-past12.htm

40Christian Abry, Alice Joisten, Fondateurs et acteurs de l' ethnographie des Alpes, Grenoble 2003, S. 285

41Klaus Beitl, Eugenie Goldstern (1884 – 1942), Festschrift für Utz Jeggle, Tübingen 2001, S. 189

42Oswald A. Erich, Richard Beitl, Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Leipzig 1936, S. 365

43Oswald A. Erich, Richard Beitl, Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 1955, S. 385

44Beitl, Festschrift ..., a.a.O., S. 189

45Österreichisches Museum für Volkskunde, Archiv, Brief von Eugenie Goldstern an Michael Haberlandt aus Fribourg am 23.1.1920

46Arthur Haberlandt, Prähistorisches in der Volkskunst Osteuropas, Sonderdruck aus der Vierteljahrsschrift Werke der Volkskunst, Bd. I, H. II, Wien 1913, 5. 1

47Arthur Haberlandt, Prähistorisches ..., a.a.O., S. 6

48Haberlandt Arthur, Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Volkskunde von Montenegro, Albanien und Serbien, Ergebnisse einer Forschungsreise in den von den k. und k. Truppen besetzten Gebieten, Wien 1917, S. 170

49Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 34

50Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, K.k. Museum für österreichische Volkskunde an das Kriegsministerium, Abteilung 7, Wien .22.1.1917

51Zeitschrift für österreichische Volkskunde, XXIV. Jahrgang, Wien 1918, S. 53

52Schmidt Leopold, Das österreichische Museum für Volkskunde, Wien 1960, S. 65

53Österreichisches Staatsarchiv, Schreiben für das Präsidium des K.k. Museums für österreichische Volkskunde an das Kriegsministerium, Abteilung 1, Wien eingegangen am 26.1.1917

54Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 44

55Arthur Haberlandt, Volkscharakter und Rassenpsychologie, Wiener Zeitschrift für Volkskunde, XXXVI. Jhg., Wien 1931. S. 57

56Arthur Haberlandt, Volkscharakter und Rassenpsychologie ..., a.a.O., S. 63

57Arthur Haberlandt, Volkscharakter und Rassenpsychologie ..., a.a.O., S. 64

58Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Philosophische Fakultät der k.k. Universität Wien, Bericht über die Kommissionssitzung betr. die Verleihung des Titels eines außerordentlichen Universitätsprofessors an den Privatdozenten Michael Haberlandt, Wien 5. 3. 1910

59Wilfried Seipel (Hrsg.), Die Entdeckung der Welt, Die Welt der Entdeckungen, Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer, Wien 2002, S. 61

60Seipel, Die Entdeckung ..., a.a.O., S. 414

61Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 11

62Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, K.k. Ministerium für Kultus und Unterricht, Aktenzeichen Z. 28961, Kaiser Franz Joseph, Verleihung des Titels eines außerordentlichen Universitätsprofessors an den Privatdozenten Michael Haberlandt, Bad Ischl 3.7.1910

63Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 108

64Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 11

65Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 11

66Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 109

67Moritz Hoernes, Natur- und Urgeschichte des Menschen, Band II. Urgeschichte der Kultur, IV - VII, Wien 1909, S. 562

68Jacobeit Wolfgang , Lixfeld Hannjost, Bockhorn Olaf, (Hrsg. ), Völkische Wissenschaft, Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 1994, S. 503

69Michael Haberlandt, Völkerkunde, Berlin 1917 , S. 76

70Haberlandt, Völkerkunde, a.a.O., S. 18

71Schmidt Leopold, Die europäischen Vergleichssammlungen im österreichischen Museum für Volkskunde, in : Wissenschaft und Weltbild, Zeitschrift für Grundfragen der Forschung, 14. Jahrgang, Heft 1, Wien März 1961, S. 59

72Beitl, Das Wort ..., a.a.O., S. 108

73Grieshofer, Ur-Ethnographie ..., a.a.O., S. 11

74Eugenie Goldstern, Bessans, Volkskundliche monographische Studie über eine savoyische Hochgebirgsgemeinde, Wien 1922, S. 6

75Goldstern, Bessans ..., a.a.O., S. 6